wie unangenehm es immer ist, wagner-musik zu lieben. ich kann nicht einfach sagen: yo, es ist groß und die gelungenen aufführungen, die ich bisher sehen konnte, zählen zu den höhepunkten in meinem leben. nein. immer, wirklich immer gerate ich gleichzeitig in erklärungsnot. die grauenhaften libretti. der noch grauenvollere antisemitismus. die grauenhafte instrumentalisierung zur ns-zeit. die grauenhafte klientel, die nach bayreuth pilgert. das geht einfach überhaupt alles gar nicht.

tja. und dann träufelt irgendwo diese musik aus dem lautsprecher, aus dem radio, aus dem fernseher, und schon ist es wieder passiert. manchmal denke ich, es gibt gar keine tollere musik.

völlig beeindruckt haben mich damals 2002, 2003 die stuttgarter inszenierungen. ich war so erleichtert. man kann den ganzen schwulst einfach weghämmern (ohne eine einzige note zu ändern), und das, was dann herauskommt, ist so ergreifend nahe und klug, dass man überhaupt nicht in erklärungsnot geraten müsste. da ist er wieder, der revolutionär wagner, der super-turbo-künstler-freak im allerbesten sinne.

wagner ist übrigens nicht schwer. man kann sich ohne jegliche vorkenntnisse in die musik hineingleiten lassen wie in ein warmes bad. man braucht nur ein bisschen sitzfleisch und die bereitschaft, sich zu öffnen. es macht spass, wenn man ein bisschen was weiss, aber es ist überhaupt nicht nötig. wer hat wohl das bild vom "schweren" wagner geprägt? ich kann mir jedenfalls gut ein großes stück schokolade dazu in den mund schieben und die augen schliessen und nur mitdämmern. ich kann aber auch kerzengrade im opernstuhl sitzen und glockenwach die musikalische architektur verfolgen, die fülle der einfälle bewundern und über komplizierte bedeutungsebenen nachsinnen.

in stuttgart damals hat der halbe saal kollektiv aufgeschluchzt in der letzten szene der walküre. auch mir sind die tränen über die backen gelaufen. so zart und stark war das bild brünnhildes, wie sie ein teelicht nach dem anderen an ihrem küchentisch anzündet. wer hatte auch mit so etwas gerechnet. brünnhilde wird in der geschichte eigentlich in einen flammenkreis gesperrt. normalerweise großes kino mit feurio und ordentlich rauch. hier teelichter.

was alles reingeht in wagner. ein unfasslich grosser sack.

mir gefällt eigentlich auch, wie leicht er ins lächerliche zu ziehen ist. wer muss nicht über textzeilen wie "hoio-to-ho! hoio-to-ho!" erstmal grinsen? aber das verrückte ist, dass er damit tatsächlich davon kommt. wer das einmal live (unbedingt live) gehört hat und wem da nicht der begeisterungsschweiss ausbricht, der hat entweder keine ohren oder gerade ein sehr trauriges leben. selbst, wenn mans überhaupt nicht mag, würd ichs mir trotzdem mal anhören. der effekt von 120 musikern, die alle koordiniert und doch wie die wahnsinnigen losrödeln und -krachen, ist unvergleichlich in seiner fantastischen sinnlichkeit.

letzten donnerstag fiel es mir alles wieder ein. die aix-inszenierung flimmerte über den schirm. als stuttgart-walküren-fan hatte ich etwas mühe, dieser inszenierung eine chance zu geben. ehrlichgesagt fand ich sie ein bisschen langweilig. sehr grau. grau tut wagner natürlich gut, man muss ja gegen den schwulst vorgehen. konsequent wäre es aber dann, die grautöne auszuschattieren. naja. aber ich bin bestimmt voreingenommen. dafür haben mir die sänger furchtbar gut gefallen. und orchester & dirigent sowieso. da muss man nix groß sagen.

erklärungsnot - ich werd wohl ewig in diesem zwiespalt stecken bleiben. aber das macht nichts. so etwas hält wach.


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steffster, Mittwoch, 11. Juli 2007, 10:26
Mark Twain soll zu Wagners Musik ja gesagt haben "it really is much better than it sounds", eine lustige Gemeinheit.
Das Rheingold Libretto klingt in meinen Ohren wie das furchtbarste Stück Musik ueberhaupt, das versucht die die vier Minuten Paradies, die ihm vorausgehen, gaenzlich vergessen zu machen.
Welchen Gesangspart soll ich mir mal anhoeren? Bisher fand ich die instrumentellen Parts immer sehr schoen, die Gesaenge eher nicht.

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hihi!

also, ich würd einfach mal durchzappen und nach gefühl irgendwo hängenbleiben. superschön find ich aber zum beispiel die letzte szene walküre, den dialog wotan-brünnhilde.

komischerweise mag ich den gesangskram erstmal auch nicht so gern. jedenfalls nicht aus der konserve. live und in einem echten theäterlichen erzählstrom wiederum geht das gut für mich.

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gut ich werd mich mal um wotan-bruenhilde kuemmern, live wird sowas im hiesigen ja nicht geboten.

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Die Schlussstuecke sind wirklich sehr schoen. Hatte noch keine Zeit mir alle vier CDs anzuhoeren. Ist Tristan und Isolde auch gut?

Wagners Lyrik scheint auch interessant, es fuehlt sich an wie euphorische Untergangsgedichte; insbesondere der letzte Part "Feuerzauber" als Rueckkehr der "Menschheit" in einen vortechnischen Zustand. (Diese Deutung funktioniert wohl nur ohne die Musik.)

Szene 3 - Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind!
Szene 3 - Der Augen leuchtendes Paar
Szene 3 - Loge, hör! Lausche hieher!
Szene 3 - Feuerzauber

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gell, das ist toll, wenn es plötzlich anfängt zu feuerknistern!

ich finde, es klingt wie ein verbrennendes kinderkarussel. fröhlich und auf eine ganz gruselige weise vital zugleich (dem feuer ists egal, es steht für sich und braucht den menschen nicht, von daher finde ich die deutung mit dem vortechnischen auch musikalisch ganz passend). vielleicht kann man sagen, dass es von anfang an drei ebenen gibt, die der götter und die der menschen (die sich verstricken) und die ebene der dinge, die von dem ganzen quatsch unberührt bleiben und einfach ihre immer gleiche geschichte erzählen.

zu t&i kann ich nicht viel sagen, ausser meilenstein in der westlichen musikgeschichte wegen atemraubender harmonik usw. ich habs aber noch nie ganz gehört oder gesehen.

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